
Sprachbedienung oder -steuerung sind längst Alltag geworden. Dafür brauchen Sie keine smarten Assistenten wie Alexa & Co. Schon die allermeisten neueren Fernseher kommen mit einer Mikrofontaste auf der Fernbedienung, um per Sprachbefehl etwa einen bestimmten Sender aufzurufen. Ein Mikrofonsymbol findet sich auch in immer mehr Apps auf dem Smartphone oder Programmen auf dem Computer. Besonders dort wird es immer häufiger genutzt. In den USA hat sich daraus sogar ein Büro-Trend entwickelt und trägt schon einen eigenen Namen: „Voicepilling“.
Was ist Voicepilling?
Der Begriff stammt von LinkedIn-Gründer Reid Hoffman. Er beschreibt die Interaktion mit einem Computer mittels Sprache als Ersatz für Tastatureingaben. Dabei werden nicht nur steuernde Befehle erteilt, sondern einzelne Gedanken, Nachrichten und ganze Texte erfasst. Moderne Technologien wie KI machen die Erfassung mittlerweile sehr präzise, liefern korrekte Rechtschreibung oder Satzzeichen hinzu.
Der Wortteil „-pilling“ lehnt sich dabei an den Hollywood-Streifen „Matrix“ an. Haben Sie den Film gesehen und erinnern sich vielleicht noch an die Szene mit der blauen und der roten Pille? Mit der einen sollte die Geschichte enden und mit der roten Pille sollte sich ein „Wunderland“ eröffnen. Dieses Bild hat sich für Hoffman oder generell im Bereich Future Trends zu einem Symbol für neue Denkweisen mit weitreichenden Veränderungen entwickelt. Laut dem Wall Street Journal und anderen Medien ist daraus inzwischen Büroalltag geworden.
Sprache im digitalen Zeitalter: Fluch oder Segen?
Sprache zur Kommunikation hat sich nach Schätzungen vor weit über 50.000 Jahren entwickelt. Mittels Sprache die Welt um uns herum zu steuern, war bis in die 2000er-Jahre dagegen noch Science-Fiction. Heute gehören diese Möglichkeiten zum Alltag und wachsen laufend. Viele davon sind praktisch: Sie müssen nicht mehr vom Sofa aufstehen und sagen einfach Ihrem Smart-Home-Assistenten, dass er das Heizkörperthermostat aufdrehen soll, wenn Sie frieren. Genauso praktisch ist es, wenn Sie jemandem etwas erzählen wollen, und dafür eine Sprachnachricht aufnehmen und verschicken können, anstelle alles (mehr oder weniger mühsam) einzutippen. Doch hier zeigt sich auch die Zweischneidigkeit. Sprachnachrichten sind seit ihrem Aufkommen extrem unbeliebt. Einen Anruf können Sie annehmen, klingeln lassen oder auf die Mailbox schicken, wie es gerade passt. Eine Textnachricht können Sie jederzeit nebenbei lesen. Eine Sprachnachricht erfordert dagegen immer ihre volle Aufmerksamkeit und das in Echtzeit; auch in unpassenden Situationen, während andere, oft unstrukturiert, zu Ihnen sprechen. Zum Glück schafft es die Technik heute, Nachrichten beschleunigt abzuspielen oder einigermaßen zuverlässig zu transkribieren. Das macht Sprachnachrichten vielleicht langsam wieder etwas akzeptierter, aber wie sieht das aus, wenn Kolleginnen und Kollegen im Büro den ganzen Tag sprechen, weil sie Voicepilling machen?
In der Ruhe liegt die Kraft
Dieses Sprichwort gilt im übertragenen Sinn auch für die Akustik im Büro. Sie ist ein wichtiges Kriterium in jeder ganzheitlichen Büroplanung. Das Ziel dabei ist es, die allgemeine Geräuschkulisse möglichst gering zu halten, um allen konzentrierte, produktive Arbeit zu ermöglichen. Bereiche, in denen mehr gesprochen werden muss, können von Plätzen getrennt werden, wo Kopfarbeit gefragt ist. Raum-in-Raum-Systeme schaffen Rückzugsorte für jeden Zweck. Wo es sie nicht gibt und wo plötzlich alle mit ihren Computern sprechen, wächst dagegen die Geräuschkulisse, auch wenn alle dabei nur flüstern. Stört das am Ende mehr als allgemeines Tippen Tastaturen?
Tendenziell ja: Moderne Office-Tastaturen liefern taktile Rückmeldungen ihres Anschlags und kommen ohne die lauten Klick-Schalter mechanischer Keyboards oder gar alter Schreibmaschinen aus. Jede(r) hat hier individuelle Tipp-Vorlieben, doch die allgemeine Büroeinrichtung geht mehr zur leisen Variante. Mit Voicepilling entsteht in dieser relativen Ruhe jedoch schnell eine Call-Center-Atmosphäre, wenn alle vor sich hinmurmeln oder unbedacht auch mit normaler Lautstärke ihre PCs ansprechen. In einer modernen, offenen Bürolandschaft lässt sich das nur geringfügig über die Raumakustik korrigieren. Letztlich bräuchte es für mehr allgemeine Ruhe wieder eine Rückkehr in die alten, öden Bürowaben, die sich niemand wirklich wünschen kann. Die 70er- und 80er-Jahre haben zweifellos ihren Retro-Charme, aber sicher nicht in den Büros der damaligen Zeiten.
Kompromissvorschlag: Sprechen wir doch eher im Homeoffice oder unterwegs mit unseren Computern und anderen Devices, wenn wir so besser arbeiten können. In der Gemeinschaft eines Büros – im Team – geht es hier abseits von Raumakustik stets auch um Rücksicht auf andere. Nicht jede(r) will den ganzen Tag Stillarbeit, möchte sich aber Fokuszeit nehmen können, wenn sie gebraucht wird. Weil viele Büros dafür (noch) keine Rückzugsorte bieten, sollte das an jedem Arbeitsplatz (so gut es geht) möglich sein. Der neue Büro-Trend „Voicepilling“ macht es eher unmöglich.



